Der März in Berlin ist keine Jahreszeit. Er ist ein Zögern.

Zwischen dem letzten Schnee, der sich hartnäckig in den Kellerschächten der Prenzlauer-Berg-Altbauten hält, und dem ersten echten Frühlingstag liegt ein Zwischenraum, der die Stadt in einem eigentümlichen Licht erscheinen lässt. Die Menschen tragen noch Jacken, aber sie knöpfen sie nicht zu. Eine symbolische Geste: Wir sind bereit.

Die Kastanien am Kollwitzplatz

Ich sitze auf einer Bank und beobachte die Kastanienbäume. Noch kahl, aber schon an den Spitzen der Äste zeichnen sich die gequollenen Knospen ab – pralle kleine Versprechen in Braun und Grün. Ein Kind rennt vorbei, stolpert, steht wieder auf, lacht. Kein Weinen. Als wäre auch der Schmerz im März leichter zu ertragen.

Neben mir eine ältere Dame mit einem Dackel, dessen kurze Beine in einem Strickmantel stecken. Sie nickt mir zu, als teilten wir ein Geheimnis. Vielleicht tun wir das. Das Geheimnis, das alle Berliner kennen: Wer den Winter übersteht, hat ein Recht auf den Frühling.

Zwischen den Kiezen

Berlin im März ist auch ein Kontrast. In Mitte drängen sich die ersten Touristen vor dem Brandenburger Tor; ihre Selfie-Sticks ragen wie moderne Speere in den grauen Himmel. Drei Kilometer weiter, in Neukölln, sitzt ein Typ mit Vollbart in einem Café, das noch keine Heizung eingeschaltet hat, und schreibt in ein Moleskine-Heft.

Was verbindet diese beiden Welten? Der März, der über ihnen liegt wie ein freundlicher Kompromiss: nicht ganz kalt, nicht ganz warm. Nicht ganz Berlin, nicht ganz irgendwo anders.

Die Stadt, so heißt es, ist nie fertig. Sie ist immer im Werden. Der März ist ihr wahrster Zustand.

Ein Abend am Kanal

Am späten Nachmittag gehe ich zum Landwehrkanal. Die Pappeln werfen lange Schatten, die sich im stillen Wasser spiegeln. Ein paar Enten paddeln träge vorbei. Jemand spielt auf einer akkordgestimmten Gitarre – ich höre die Töne, bevor ich die Person sehe. Dann: ein junger Mann, kaum zwanzig, auf einer Decke sitzend, die Augen geschlossen.

Er spielt für sich. Vielleicht für die Enten. Vielleicht für den März.

Ich bleibe stehen und höre zu, bis die Sonne hinter den Dächern verschwindet und der Abend mit einem leisen Seufzen beginnt. So ist das in dieser Stadt: Man kommt als Beobachter und geht als Teil des Bildes.

Was bleibt

Wenn ich an Berlin denke – und ich denke oft an diese Stadt, die mich seit zwanzig Jahren hält wie keine andere –, dann denke ich nicht an den Sommer mit seiner lauten Leichtigkeit oder den Winter mit seiner stillen Schwere. Ich denke an den März.

An das Zögern, das eigentlich ein Mut ist. An die Knospen, die noch nicht aufgegangen sind. An den Typ im ungeheizten Café, der trotzdem schreibt.

Der März in Berlin erinnert mich daran, warum ich hier bin.