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Mein erstes Buch wurde im Herbst 2004 fertig. Kein Verlag interessierte sich dafür.

Ich war 36 Jahre alt, und ich dachte, ich hätte Literatur geschrieben.

Die naive Gewissheit des Anfängers

Rückblickend erscheint mir diese Überzeugung rührend. Ich hatte keine Ahnung, was ich nicht wusste. Ich kannte die Regeln, die ich brach, nicht wirklich – was bedeutet, dass ich sie gar nicht brechen konnte.

Der Roman war gut gemeint und schlecht konstruiert. Die Dialoge liefen teilweise zu lang, die Situationen waren zu willkürlich, und die Hauptfigur war, wie mir eine befreundete Lektorin Jahre später gestand, “ein Abklatsch aus dem Kino”.

Sie hatte recht.

Das Scheitern als Lehrmeister

Das erste Buch war ein völliger Totalschaden in literarischer Hinsicht. Es hat mich mehr gelehrt als alles, was ich je lesen oder studieren hätte können.

Es lehrte mich Demut. Es lehrte mich Handwerk. Es lehrte mich, den Unterschied zwischen dem, was ich schreiben wollte, und dem, was ich tatsächlich schrieb, ehrlich zu benennen.

Und es lehrte mich etwas, das ich erst viel später vollständig verstanden habe: dass das Scheitern zum Schreiben gehört wie der Atem zum Leben.

Zwanzig Jahre später

Das zweite Buch wurde besser. Das dritte auch. Irgendwann, beim fünften oder sechsten, hatte ich das Gefühl, dass ich anfing, meine eigene Stimme zu finden. Nicht die Stimme, die ich mir ausgesucht hatte – sondern die, die da war, sobald ich aufhörte, eine andere zu imitieren.

Das erste Buch liegt heute in meinem Regal, zwischen Autoren, die ich liebe. Ich habe es lange weggelegt gehabt, wie eine alte Fotografie, die einen in einem ungünstigen Licht zeigt. Aber seit einiger Zeit ist es wieder da.

Weil es mich daran erinnert, wer ich war, bevor ich wusste, wer ich sein würde.

Und weil dieser Mensch, so naiv er war, den Mut hatte, anzufangen.