Es gibt eine bestimmte Art von Einsamkeit, die man erst versteht, wenn man jemandem gegenübersitzt, der hundert Jahre alt ist.

Es ist nicht die Einsamkeit des Verlassenseins. Meine Tante wird gut versorgt. Die Schwestern kennen ihren Namen, die Mahlzeiten kommen pünktlich, das Zimmer ist warm. Es ist eine andere Einsamkeit: die des Übrigbleibens. Sie ist die Letzte. Alle, die ihr Leben mit ihr geteilt haben – die Schwester, die Freundinnen, Kollegen, Männer, Frauen, die Kinder der Straßen, in denen sie lebte –, sind vor ihr gegangen. Die Welt, in der sie jung war, existiert nur noch in ihr.

Das ist eine Last, für die es kein Wort gibt. Oder vielleicht doch: Zeugenschaft. Sie ist die einzige Zeugin eines Lebens, das sonst niemand mehr bezeugen kann.

Addis Abeba, Khartum, Tokio, Washington

Sie war Fremdsprachensekretärin. Wer heute jung ist, kann sich das kaum vorstellen: eine Frau in den fünfziger, sechziger Jahren, allein unterwegs in die Welt, mit dem Notizbuch und zwei Sprachen im Kopf. Kein Internet, keine Handys, Briefe, die Wochen brauchten. Addis Abeba, wo der Staub die Farbe von getrocknetem Ocker hatte und die Abende nach Holzrauch rochen. Der Sudan, die Schwere der Hitze, das Nil-Licht am Morgen. Japan, wo sie sagt, sie habe nie wirklich verstanden, ob sie verstanden wurde – aber das spielte auch keine Rolle. Washington, die Breite der Alleen, das Gewicht der Geschichte in den Gebäuden.

Wenn sie erzählt, wechselt ihre Stimme. Sie wird fester. Die Hände, die sonst ruhig auf der Decke liegen, beginnen sich zu bewegen – kleine Gesten, halb vergessen, halb erinnert. Als wären die Sprachen noch im Körper, auch wenn die Kraft fehlt, aufzustehen. Dann will sie, dass ich mit ihrer Freundin Kontakt aufnehme, sie könnten sich ja ihre Wohnung teilen, dann wäre sie nicht auf das Heim angewiesen. Ich muss ihr sagen, dass es diese Freundin schon lange nicht mehr gibt. Sie waren zur Zeit der Weimarer Republik (!) Schulfreundinnen gewesen - den Gedanken werde ich lange nicht mehr los.

Sie hatte eine Weile für Lübke als Privatsekretärin gearbeitet. Was sie da alles mitbekommen haben muss …

Sie hat in fremden Sprachen Briefe geschrieben, die niemand mehr liest. Irgendwo in Archiven, vielleicht auch nirgendwo. Aber die Sprachen sind noch in ihr. Das ist mehr, als die meisten hinterlassen.

Das Zimmer

Das Pflegeheim ist freundlich. Das sage ich ohne Ironie. Es riecht nicht nach Desinfektionsmittel, das Licht ist warm, auf dem Fensterbrett steht eine kleine Vase. Trotzdem ist ein Pflegeheimzimmer ein Pflegeheimzimmer: ein Ort, in dem man auf das Ende wartet, ohne es auszusprechen.

An der Wand hängt ein Rahmen mit einem Brief vom Bundespräsidenten. Eine formelle Gratulation zum 100. Geburtstag. Ich vermute, dass die Unterschrift aus dem Drucker kommt. Das Papier hat keine Druckstelle oder Vertiefung.

Jetzt sitzt sie auf dem Stuhl vor dem Fernseher und schläft manchmal ein, während wir reden. Wenn sie aufwacht, weiß sie sofort wieder, wo sie war. Das imponiert mir. Als wäre das Gespräch nur kurz pausiert worden, nicht unterbrochen.

Was Reisen bedeutet, wenn man nicht mehr reisen kann

Ich habe sie einmal gefragt, ob sie es vermisst. Das Reisen.

Sie hat lange geschwiegen. Dann hat sie gesagt: »… das Ankommen.«

Ich habe nicht sofort verstanden, was sie meinte. Aber ich glaube, ich verstehe es jetzt. Für jemanden, der wirklich gereist ist – manchmal als Tourist, oft für die Arbeit und meistens aus Interesse –, hört das nicht auf. Addis Abeba ist nicht weg. Es ist in ihr, in einer Art, die kein Foto und kein Archiv ersetzen kann. Die Orte, an denen wir wirklich waren, tragen wir mit uns. Sie ist überall gleichzeitig, während sie in diesem Stuhl sitzt.

Das ist tröstlich und traurig zugleich. Beides so vollständig, dass man nicht weiß, was zuerst kommt.

Die Stille nach dem Besuch

Als ich gegangen bin, stand ich im Flur und habe kurz von der Tür zurückgeschaut. Sie saß wieder vor dem Fernseher, die Hände auf der Decke, den Blick irgendwo, wo ich nicht hinsehen kann.

Hundert Jahre. Addis Abeba, Khartum, Tokio, Washington, und jetzt dieses Zimmer mit der Vase auf dem Fensterbrett. Das Leben hat eine Logik, die sich erst am Ende zeigt.

Ich bin nach Hause gefahren und habe lange nicht gewusst, was ich mit dem Besuch anfangen soll. Sie war immer schon eine streitsame Person. Sehr schwierig, mit ihr auszukommen. Und nichts ist je ausreichend.

Sie wird den Sommer vielleicht nicht mehr erleben. Vielleicht doch. Sie hat alle überlebt, die das über sie gedacht haben. Das ist auch eine Art Antwort.