Foto: chatGPT / https://openai.com
Es ist inzwischen die Frage, die mir am zuverlässigsten gestellt wird. Öfter noch als “Woher nehmen Sie Ihre Ideen?” und deutlich öfter als “Wovon leben Sie eigentlich?”, dass ich einem Beruf nachgehe, wird dabei ausgeblendet. Sie kommt meist mit einem leicht gesenkten Ton, so wie man nach einer Vorstrafe fragt:
Verwendest Du KI?
Ich möchte darauf ehrlich antworten. Aber bevor ich das tue, muss ich einen kleinen Umweg gehen. Denn die Frage ist komplizierter als sie klingt, und die üblichen Antworten darauf – das entrüstete “Niemals!” und das achselzuckende “Klar, alle machen das” – sind beide gleichermaßen unbrauchbar.
Ein Versuch der Annäherung
Fangen wir bei dem an, was diese Maschinen eigentlich sind.
Eine KI wurde mit Büchern trainiert. Mit Texten, mit Foren, mit Zeitungsarchiven, mit praktisch dem gesamten Internet. Das ist auch ein Vorwurf, den man ihr macht, und es ist ein berechtigter.
Wenn wenn es genau nimmt gilt für einen Menschen jedoch exakt dasselbe. Auch ich bin trainiert worden. Mit Büchern, mit Gesprächen, mit dem, was meine Eltern am Abendbrottisch gesagt haben, mit vierzig Jahren Lesen. Nur eben – und das ist der interessante Teil – mit unfassbar viel weniger Material.
Die Zahlen dazu sind ernüchternd. Ein Kind hört und liest bis zum 13. Lebensjahr weniger als 100 Millionen Wörter. Etwa zwei bis sieben Millionen pro Jahr. Große Sprachmodelle werden mit Billionen von Wörtern trainiert – vier bis fünf Größenordnungen mehr.1 Das ist kein Unterschied wie zwischen einem Fahrrad und einem Auto. Das ist ein Unterschied zwischen einem Glas Wasser und dem Atlantik.
Und trotzdem: Das Kind kann danach sprechen. Nicht schlechter, sondern in vielem besser als eine KI. Es weiß, was ein Wort bedeutet, weil es einmal auf einen heißen Herd gefasst hat.
Wenn man also unbedingt ein Argument für die Sonderstellung des Menschen sucht, dann liegt es hier – nicht in irgendeiner Seele, sondern in einer geradezu obszönen Dateneffizienz. Wir sind die sparsameren Lerner. Nur ist das ein technisches Argument, kein metaphysisches. Und technische Vorsprünge halten selten lange.
“Aber eine KI hat keine Gefühle”
Das ist der Satz, der immer als Letztes kommt. Der Trumpf. Und ich verstehe, warum man ihn ausspielen möchte.
Nur, wenn man ehrlich ist: Gefühle basieren auf chemischen Prozessen im Gehirn. Auf Dopamin, Serotonin, Oxytocin, Adrenalin und einigen Dutzend weiteren Botenstoffen, die in einem Gewebe aus rund 86 Milliarden Neuronen und etwa 100 Billionen Synapsen ihre Arbeit verrichten. Was davon wirklich real ist – im Sinne von: mehr als das Ergebnis eines sehr komplizierten Rechenvorgangs – kann ich nicht entscheiden. Dafür fehlt mir einiges an biochemischem Hintergrundwissen, und ich habe nicht vor, so zu tun, als hätte ich es.
Ich vermute aber, dass unsere Gefühlswelt und unsere Phantasie maßlos übertrieben bewertet werden. Wir erleben unsere Empfindungen von innen, und von innen fühlt sich alles nach Wunder an. Denn der Mensch überbewertet seine Einzigartigkeit und seine Fähigkeiten maßlos.
Das ist, nebenbei bemerkt, eine verlässliche Konstante der gesamten Wissenschaftsgeschichte. Wir standen im Mittelpunkt des Universums – bis Kopernikus. Wir waren die Krone der Schöpfung – bis Darwin. Wir waren Herren im eigenen Haus – bis Freud uns erklärte, dass wir es nicht einmal dort sind. Und wir teilen rund 98,8 Prozent unseres Erbguts mit dem Schimpansen, was bedeutet, dass der ganze Unterschied zwischen einer Symphonie und einem Termitenstock in 1,2 Prozent steckt. Nebenbei stimmt die DNA von Katzen noch zu 90 Prozen mit der unseren überein. Die von Hunden zu 82 Prozent und die von Mäusen immer noch mit 67 Prozent.
Jedes Mal, wenn wir uns eine letzte Bastion gebaut haben – Werkzeuggebrauch, Sprache, Selbsterkennung im Spiegel, Humor –, kam irgendein Rabe, ein Delfin oder ein Elefant vorbei und hat sie eingerissen. Jetzt kommt eine Maschine. Und wir tun wieder so, als wäre das etwas völlig Neues. Wir müssen einfach diese verschrobene Überheblichkeit loswerden, wir seien etwas Besseres. Wir seien eine göttliche Schöpfung. Die Religionen tragen da eine große Teilschuld.
Was bleibt?
Nach all dem müsste ich eigentlich sagen: Dann lass doch die KI schreiben.
Ich sage es nicht.
Setze ich KI ein? Ja. Aber nicht für das Schreiben.
Denn als Schriftsteller ist es meine Pflicht, meinen Lesern meine Arbeit abzuliefern. Das ist es, was sie wollen, und das ist es, wofür sie bezahlen. Wenn jemand ein Buch von mir kauft, dann kauft er nicht 400 Seiten Text. Text ist heute das billigste Gut der Welt. Er kauft die Entscheidungen, die ich getroffen habe. Er kauft, meine Ideen und dass ein bestimmter Mensch mit einer bestimmten Biographie sich hingesetzt und etwas geschrieben hat.
Die Zahlen geben mir da recht – und zeigen zugleich, wie schnell sich die Grundlagen ändern. Ende 2023 gaben in einer Umfrage der amerikanischen Authors Guild unter über 2.400 Autoren noch 87 Prozent an, generative KI nicht im Schreibprozess zu verwenden.2 Zwei Jahre später, im November 2025, sagten in einer Befragung von 1.229 Autoren durch BookBub bereits 45 Prozent, sie nutzten generative KI für ihre Arbeit.3 Die beiden Umfragen sind nicht direkt vergleichbar, die Gruppen unterscheiden sich. Aber die Richtung ist unmissverständlich.
Interessanter finde ich eine dritte Zahl aus derselben BookBub-Erhebung: 74 Prozent derjenigen, die KI nutzen, legen das ihren Lesern nicht offen. Drei von vier. Und eine Studie der Universität Cambridge, für die zwischen Februar und Mai 2025 258 veröffentlichte Romanautoren befragt wurden, zeigt, warum: 33 Prozent von ihnen nutzen KI, überwiegend für nicht-kreative Aufgaben wie Recherche – aber 97 Prozent sagen, dass wenn eine KI ganze Romane schrieb wäre das “extrem negativ”.4
Man kann nur ahnen, wo die Grenze verläuft. Jedoch schweigen die meisten lieber darüber, auf welcher Seite sie gerade stehen.
Die Leser sind übrigens auch nicht dumm. In einer YouGov-Befragung aus dem Jahr 2025 lehnten US-Leser den KI-Einsatz in allen fünf abgefragten Szenarien mehrheitlich ab – von der Ideenfindung bis zur Gliederung. Bemerkenswert dabei: Nur 28 Prozent hielten ihn in sämtlichen Fällen für inakzeptabel.5 Es ist also kein Fundamentalismus. Es ist ein Erwartungsvertrag. Und Verträge sollte man nicht brechen.
Wofür ich sie einsetze
Und jetzt kommt der Teil, bei dem ich mich outen muss.
Ich verwende KI für meine Webseite und für diesen Blog.
Das ist Arbeit, die ich mir sparen kann und lieber in das Schreiben von Büchern investiere. Selbstverständlich sage ich der KI, was in einem Blogeintrag stehen soll – die Gedanken, die Sie hier lesen, die Haltung, die Beispiele, das Urteil über den Schimpansen und die Krone der Schöpfung, all das kommt von mir. Ich lasse es die KI nur ausformulieren und überarbeite die Texte am Ende nur noch.
Denn – und das ist der unbequeme Teil für mein Selbstbild – die KI ist sehr viel besser darin, eine Webseite zu bauen, als ich das könnte. Nicht ein bisschen besser. Erheblich. Ich habe es versucht, ich weiß, wovon ich rede, und ich habe dabei mehr Abende verloren, als ich zugeben möchte. Nicht aufgrund der Technik, die habe ich als Softwareentwickler verinnerlicht. Aber das Design und die Formulierung der doch recht Marketing-artigen Texte haben mir immer Probleme bereitet.
Ist das jetzt inkonsequent? Ich glaube nicht.
Es gibt Arbeit, die ist das Produkt. Und es gibt Arbeit, die nur der Weg zum Produkt ist. Ein Schreiner, der eine Kreissäge benutzt statt einer Handsäge, betrügt niemanden. Ein Schreiner, der einen fertigen Schrank aus dem Möbelhaus holt, ihn abschmirgelt und sein Signum draufsetzt, schon.
Der Unterschied ist nicht das Werkzeug. Der Unterschied ist, an welcher Stelle es steht - und zugegeben, auch die Menge an Arbeit, die es einem abnimmt.
Zum Schluss
Ich habe weder Angst vor diesen Maschinen, noch halte ich den Menschen für so besonders, dass ich mich um seine Sonderstellung sorgen müsste – die war ohnehin nie so stabil, wie wir behauptet haben.
Was ich aber habe, ist ein Versprechen: Wenn auf einem Buch mein Name steht, dann habe ich es geschrieben. Jeden Satz. Auch die schlechten. Besonders die schlechten, denn an denen erkennt man mich am zuverlässigsten.
Und wenn auf einem Blogeintrag mein Name steht, dann habe ich ihn gedacht – und eine Maschine hat ihn in Form gebracht. So wie diesen hier.
Also wissen Sie es jetzt: Ich gehöre nicht zu den 74 Prozent.
Quellen
Michael C. Frank: Bridging the data gap between children and large language models. Trends in Cognitive Sciences, 2023.
The Authors Guild: Authors Overwhelmingly Want Consent and Compensation for Use of Their Works. Befragung von über 2.400 Autorinnen und Autoren, Dezember 2023.
BookBub Partners: How Authors Are Thinking About AI. Befragung von 1.229 Autorinnen und Autoren, November 2025.
University of Cambridge, Minderoo Centre for Technology and Democracy: Half of UK novelists believe AI is likely to replace their work entirely. Befragung von 258 veröffentlichten Romanautorinnen und -autoren, Februar bis Mai 2025.
YouGov: Do Americans want to read AI books? Leserbefragung, USA, 2025.
Stack Overflow: 2025 Developer Survey – AI. 2025.
