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Wenn man im Selbstverlag ein Buch herausgeben will, steht man irgendwann vor einer Frage, die früher nicht der Autor zu beantworten hatte: Wie soll das Ding eigentlich aussehen? Welche Schrift, welcher Satzspiegel, welcher Zeilenabstand? Und vor allem – wie verhindere ich, dass jeder, der es in die Hand nimmt, sofort spürt, dass hier kein Handwerker am Werk war?
Was früher mehrere Berufe waren
Es ist kein Zufall, dass es einmal eine ganze Reihe von Berufen gab, die sich allein um die Gestalt eines Buches kümmerten: Buchgestalter, Schriftsetzer, Drucker. Jeder von ihnen brachte ein eigenes Wissen mit, das über Jahre, manchmal über Generationen weitergegeben wurde. Wie weit eine Marginalie vom Satzspiegel entfernt sein darf. Welche Schrift zu welchem Ton passt. Wie man verhindert, dass ein einzelner Satz vereinsamt auf einer neuen Seite landet – die berüchtigten Hurenkinder und Schusterjungen, die das Auge beim Lesen stören, ohne dass man genau weiß, warum.
Wie soll ein Autor das bewerkstelligen, wenn er von alldem keine Ahnung hat?
Diese Frage ist nicht rhetorisch. Sie ist der Anfang einer langen Suche.
Software – das doppelte Dilemma
Natürlich gibt es Programme, die einem den Satz abnehmen. Das Problem fängt schon bei der Auswahl an: Die kommerziellen Branchenstandards sind teuer – richtig teuer, für einen einzelnen Autor kaum zu rechtfertigen. Die kostenlosen Alternativen sind oft entweder zu eingeschränkt oder so umständlich, dass man am Ende mehr Zeit mit der Software als mit dem eigenen Buch verbringt.
Am Ende muss in beiden Fällen ein PDF herauskommen, das man an die Druckerei schickt. Aber der Weg dorthin entscheidet darüber, ob das Buch professionell wirkt – oder eben nicht.
Aber eins wusste ich bereits sehr schnell: Die allermeisten Programme, die man für das Schreiben verwenden kann, taugen nichts, wenn es um den Satz geht. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge und man sollte sich als Autor nicht mit “ist schon OK” zufrieden geben. Ich persönlich stehe auf dem Standpunkt, dass wenn man es angeht, dann sollte man es auch “richtig” machen. Oder gar nicht.
Meine Entscheidung: LaTeX
Ich habe mich nach einigem Suchen für LaTeX entschieden. Das wird viele überraschen, denn LaTeX hat den Ruf, sperrig und akademisch zu sein – ein Werkzeug für mathematische Aufsätze, nicht für Romane. Dieser Ruf ist nicht ganz falsch. Die Einstiegshürde ist hoch. Wer noch nie eine Zeile Code gesehen hat, wird sich zunächst fremd fühlen.
Aber wer bereit ist, diese Hürde zu nehmen, bekommt etwas, das mir bei keiner anderen Lösung begegnet ist. Aus derselben Quelle entsteht jedes Mal dasselbe PDF – absolute Reproduzierbarkeit, keine kleinen Verschiebungen, kein “das war doch gestern noch anders”. LaTeX beherrscht den klassischen Buchsatz von Haus aus, mit all den Feinheiten, die das Auge unbewusst registriert. Hurenkinder und Schusterjungen werden vermieden, ohne dass ich die Regel jedes Mal selbst anwenden müsste. Ligaturen sitzen, Abstände stimmen, und das Schriftbild wirkt nach einigem Feinschliff so, wie ich es aus Büchern guter Verlage kenne.
Hinzu kommt etwas, das auf den ersten Blick unspektakulär wirkt, aber für mich entscheidend ist: Die Quelldateien sind reiner Text. Damit lassen sie sich mit Git versionieren wie jeder Programmcode. Jede Änderung ist nachvollziehbar, jede frühere Fassung wiederherstellbar. Und habe ich einmal ein Design entwickelt, das mir gefällt, lässt es sich ohne den geringsten Aufwand auf das nächste Buch übertragen. Was beim ersten Mal Wochen gekostet hat, kostet beim zweiten Mal eine Stunde.
Der eigentliche Gewinn
Was ich an LaTeX am meisten schätze? Es ist die Tatsache, dass ich mich beim Schreiben nicht um den Satz kümmern muss – und beim Satz nicht mehr um das Schreiben. Beides bleibt getrennt, beides bekommt seine eigene Aufmerksamkeit.
Ich hatte meine Diplomarbeit - vor gefühlt 100 Jahren - mit LaTeX gesetzt. Damals hatte ich die Arbeitsweise kennen- und schätzen (!) gelernt. Während des Schreibens ignoriert man jeglichen Gedanken an das Aussehen. Das wird komplett in einem separaten Schritt entwickelt. Ich hörte oft von Kommolitonen, wie sehr sie unter dem damals omnipräsenten Schreibprogramm litten - ich nenne keine Namen. Von einem wusste ich, dass er Monate mit dem eingebauten Formel-Editor zubrachte, damit alles so aussah, wie er es wollte. Und plötzlich konnte das Schreibprogramm seine eigene Datei nicht mehr lesen. Er war verzweifelt und musste sich beim Professor zusätzliche Zeit erbeten, da er die investierte Zeit unwiderbringlich verloren hatte. Ich zeigte ihm, wie es mit LaTeX ging und er hatte in nur zwei Wochen das aufgeholt, was er verloren hatte. Zudem blieben die Dateien klein und handhabbar. Die Datei des Schreibprogramms, kurz bevor es sie nicht mehr lesen konnte, war auf über 150 Megabyte angewachsen. Zu der Zeit waren Festplatten von 200 - 500 Megabyte üblich. Der LaTeX Code verbrauchte nur wenige Kilobyte.
Vielleicht ist das die wichtigste Lektion aus dieser ganzen Geschichte. Wer im Selbstverlag arbeitet, muss die richtigen Werkzeuge wählen.
