Foto: Stephan Kesper / Genau hier
Ich gestehe: Manchmal lese ich morgens die Nachrichten und frage mich, ob jemand über Nacht heimlich die Betriebsanleitung für die Welt ausgetauscht hat. Gegen eine, in der alles ein bisschen dümmer, ein bisschen lauter und ein gutes Stück skrupelloser geworden ist. Man reibt sich die Augen, schaut noch einmal hin – und nein, es ist kein Druckfehler. Die Welt scheint tatsächlich übel den Verstand verloren zu haben.
Also gießen wir uns erst einmal ein Glas Wein ein. Einen guten, ganz in Ruhe. Denn was jetzt kommt, verträgt sich besser mit einem vollmundigen Roten als mit nüchternem Entsetzen.
Der Katalog der Merkwürdigkeiten
Alles muss einfach sein. Alle Theorien, alle Erklärungen … wenn es nicht einfach ist, existiert es nicht. Es gibt in dieser Welt Fragen, die schlicht und ergreifend nicht einfach beantwortet werden können. Lustigerweise gehört der Klimawandel nicht dazu. Die Antwort, wie man dem Klimawandel hätte begegnen können, ist mindestens seit den 1980er Jahren bekannt und es wäre relativ einfach gewesen, damals etwas dagegen zu tun. Hat man aber nicht und jetzt fliegt uns schon alles um die Ohren. Und es gibt Probleme, die so schwierig zu formulieren sind, dass ein durchschnittlich gebildeter Mensch bereits daran scheitert. Und da sprechen wir noch nicht einmal von der Lösung des Problems. Vieles von diesem Unverständnis hat damit zu tun, dass sich die Menschen anscheinend der Bildung verschließen. Bücher lesen ist mittlerweile quasi verpönt. Wenn es kein Video ist, wird es kaum noch eine Chance haben, konsumiert zu werden.
In diesem Zusammenhang muss ich auch noch das Missverständnis darüber erwähnen, was eine Theorie ist. Eine wissenschaftliche Theorie ist KEINE Meinung! Wissenschaftler nennen etwas eine Theorie, wenn sie
- Das Wissensgebiet nicht vollständig erforscht haben. Für viele Gebiete wird dies vermutlich gar nicht möglich sein.
- Keine Möglichkeit sehen, wie die Thesen, die sie aufgestellt haben, bewiesen werden können. Sei es empirisch oder als mathematischer Beweis.
Das Resultat ist eine unvollständige Beschreibung eines Gebietes. Das bedeutet aber wiederum NICHT, dass es in diesem Bereich nicht auch Dinge gibt, die sehr wohl bewiesen wurden. Die Einstein’sche Allgemeine Relativitätstheorie beinhaltet (soweit ich weiß, ich bin kein Physiker) die Gravitationstheorie von Newton als Grenzfall. Und erst da, wo die Newtonsche Gravitation falsche Ergebnisse liefert, bringt die Einsteinsche Gravitation die korrekten Ergebnisse. Das Ganze hat Einstein “Theorie” genannt, weil er halt eben nur einen Teil des gesamten Wissensgebietes der Gravitation erforscht hat. Im Laufe der Zeit sind viele Vorhersagen, die Einstein aufgrund seiner Theorie getroffen hat, empirisch nachgewiesen worden. Aber da kommen dann die “Spezialisten”, die zwei Google-Suchen machen können und behaupten, das alles sei falsch, sie wissen es besser. Ja, klar. Leute, die Christoffelsymbole nicht von Pantoffeltierchen unterscheiden können erklären den Wissenschaftlern, die Jahre oder Jahrzehnte studiert und geforscht haben, wie es “wirklich” geht.
Als Weiteres möchte ich die schlichte Erkenntnis nennen, dass persönlicher Gewinn offenbar über allem thront. Reichtum ist nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern der Zweck selbst – und wer beim Häufen des eigenen Haufens ein paar Anstandsregeln überfährt, gilt inzwischen nicht als schäbig, sondern als clever … smart … intelligent. Monetärer Erfolg, so scheint es, entschuldigt jede Methode.
Dann der Hass auf “die Ausländer”, der Formen annimmt, die man in Geschichtsbüchern verortet glaubte und nicht in der Tagesschau. Es ist derselbe alte, plumpe Reflex, das eigene Unglück bei jemandem abzuladen, der anders aussieht oder eine andere Sprache spricht. Man möchte den Leuten die Geschichtsbücher hinhalten und fragen: Habt ihr das Kapitel mit den Nazis eigentlich zu Ende gelesen? Offenbar nicht. Es war wohl zu lang. Interessanterweise explodiert der Quatsch gerade in den Händen der amerikanischen Farmer: Die gesamte Industrie ist extrem abhängig von saisonalen Arbeitern, die eben genau die Arbeiten verrichten, die der durchschnittliche weiße Amerikaner nicht mehr tun will. Doch diese (ausländischen) Arbeiter befürchten, bei einem ICE Raid verhaftet oder gar verletzt oder getötet zu werden und bleiben, wo sie sind. Die Konsequenz: Die Früchte und das Gemüse bleiben auf den Feldern und verfaulen dort gerade. The Guardian, ICE immigration raids
Weiter geht es mit der Lüge, die vom Kavaliersdelikt zur gesellschaftsfähigen Kunstform aufgestiegen ist. Und zwar der ganz dreisten Sorte – jener, bei der alle im Raum genau wissen, dass gerade gelogen wird, und trotzdem höflich nicken. Besonders in der Politik ist die Lüge inzwischen kein Ausrutscher mehr, sondern ein Werkzeug. Wozu sich noch die Mühe machen, überzeugend zu lügen, wenn ohnehin niemand mehr Konsequenzen zu fürchten hat?
Damit einher geht das fehlende Rückgrat. Laut Definition das Ding, das dem Menschen den aufrechten Gang erlaubt. Ich finde es mehr als verwunderlich, dass immer mehr Leute in einer missverstandenen Form von Political Correctness Lügen als Realität akzeptieren. Sehr interessant finde ich ebenfalls, dass die rechten Gesinnungsgenossen sich genau darüber beschweren und das in ihr querverschwurbeltes Weltbild aufnehmen. Nein! Man muss nicht jede Meinung akzeptieren. Es gibt definitiv Meinungen, die so an der Realität vorbeigehen, dass man sie einfach als den Schwachsinn darlegen muss, der sie nun einmal sind.
Apropos Werkzeuge: Militär ist wieder erstaunlich in Mode gekommen. Diplomatie, dieses geduldige, mühsame Ringen um Kompromisse, wirkt plötzlich altmodisch – wie ein Festnetztelefon. Warum reden, wenn man auch schießen kann? Das Recht des Stärkeren feiert fröhliche Urständ (ja, das heißt so und bedeutet, dass etwas Totgeglaubtes, Vergessenes oder Überwundenes plötzlich wiederkehrt), und mit ihm die Abrissbirne für all die zivilisatorischen Errungenschaften, für die das vergangene Jahrhundert erst zwei Weltkriege gebraucht hat. Wir reißen in einem Jahrzehnt ein, woran Generationen gebaut haben. Sehr effizient, das muss man ihnen lassen.
Die Umwelt wiederum wird großzügig verheizt, sobald sich damit ein Vorteil erwirtschaften lässt. Der Planet ist schließlich nur die Bühne, auf der das große Geldscheffeln stattfindet – und wenn die Bühne abfackelt, macht man eben woanders weiter. Vermutlich auf dem Mars. Dahin wollen ja ohnehin ein paar Milliardäre auswandern. Ich habe so den Eindruck, dass die Abwesenheit von Gesetzgebung und Steuerbehörden einfach zu verlockend ist.
Und über allem thronen die alten, selbstverliebten Männer, die die Welt mit der Sturheit eines trotzigen Kindes in den Abgrund lenken. Trump, Putin, Erdogan, die Chameneis, die Kims, (Viktor Orbán hat ja gerade die Wahl verloren, mal schauen, für wann er sein Comeback einplant), Xi Jinping und ihre Kollegen aus der Liga der gekränkten Egos. Der Rest der Welt schaut derweil zu wie beim Autounfall in Zeitlupe – gebannt, entsetzt, und irgendwie unfähig, den Fuß auf die Bremse zu setzen.
Und jetzt?
An dieser Stelle könnte man verzweifeln. Man könnte die Nachrichten-App vom Handy löschen, sich unter der Bettdecke verkriechen und die nächsten Jahre verschlafen. Ich habe es erwogen. Ernsthaft.
Aber Verzweiflung ist, bei Lichte betrachtet, ein ausgesprochen schlechtes Geschäft. Sie kostet enorm viel Energie und wirft nichts ab – kein einziges Problem der Welt wurde je dadurch gelöst, dass sich jemand darüber die Nacht um die Ohren geschlagen hat. Die selbstverliebten alten Männer schlafen nämlich blendend. Warum sollten also ausgerechnet wir wachliegen?
Deshalb mein bescheidener Vorschlag: sich zurücklehnen. Das Glas noch einmal füllen. Nicht aus Gleichgültigkeit – wer diesen Text bis hierher gelesen hat, ist ganz offensichtlich nicht gleichgültig –, sondern aus einer gewissen Altersweisheit. Man tut, was man tun kann. Man ist anständig, wo andere es nicht sind. Man lügt nicht, man wählt mit Verstand, man ist freundlich zu dem Menschen mit der anderen Sprache, und man pflanzt vielleicht einen Baum, den die Milliardäre auf ihrem Weg zum Mars hoffentlich übersehen werden.
Und den Rest? Den überlässt man dem Wein, dem Abend und der leisen, hartnäckigen Zuversicht, dass die Vernunft in der Geschichte der Menschheit zwar oft ein Nickerchen gemacht hat – aber am Ende doch erstaunlich zuverlässig wieder aufgewacht ist.
Zum Wohl.
