Foto: Stephan Kesper / Hier

Es gibt Städte, die im Winter auftauen. Wien ist keine davon.

Wien zieht sich im Dezember in sich selbst zurück, wie ein Tier, das keine Höhle braucht, weil es selbst eine ist. Die Gassen riechen nach nassem Stein und Punsch, aber der Punsch ist weit weg, irgendwo hinter beschlagenen Scheiben, und der Stein ist nah. Sehr nah. Die Stadt atmet langsam, mit dem schweren Atem von etwas, das schon sehr lange lebt.

Ich bin an einem Sonntag angekommen, eine Woche vor Weihnachten. Der Himmel war nicht grau; Grau wäre zu kräftig gewesen. Er war das Weiß einer alten Briefseite, vergilbt und ohne Botschaft. Ich stand vor dem Westbahnhof und dachte: Hier beginnt etwas. Ich wusste nur nicht, ob es Freude war oder Schwermut. Vielleicht ist das in Wien dasselbe.

Der Zentralfriedhof

Am nächsten Morgen fuhr ich raus, mit der S-Bahn 7. Die Haltestelle hatte schon im Namen etwas Finales: “Zentralfriedhof”.

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Etwas Düsteres vielleicht, etwas Gotisches, etwas, das mir das Schauern leicht machen würde. Stattdessen: Weite. Eine fast ländliche, stille Weite unter dem blassen Dezemberlicht, das keine Schatten warf, weil es selbst kaum vorhanden war. Die Alleen der alten Ehrengräber – Beethoven, Brahms, Schubert, zusammengeführt von der Stadt wie eine letzte Geste der Versöhnung – lagen so still da, dass ich unwillkürlich langsamer ging. Vielleicht aus Respekt, oder weil die Stille einen zwingt.

Beeindruckt - weil ich unwissend war - hat mich das imposante Mausuleum der Familie Thonet. Ich wusste, dass Michael Thonet aus Boppard stammte - keine 15Km von hier. Geboren 1796 hatte es ihn nach Wien verschlagen, nachdem sein Hab und Gut gepfändet und versteigert worden war. Aber trotz allem, es ist nur ein großer Steinblock übrig. Feucht, kalt, eindrucksvoll aber herzlos?

Die Grabsteine tropften. Ein leises, gleichmäßiges Tropfen, das sich im ganzen Park fortsetzte, als würde die Luft selbst weinen, still und ohne Drama. Ich blieb vor Schuberts Grab stehen und hörte zu. Ein Hund bellte irgendwo, weit entfernt, und dann war es wieder das Tropfen.

Was mich überraschte, war die Schönheit. Eine betrübliche, schwer zu ertragende Schönheit, die sich nicht aufdrängt, sondern wartet. Wie die besten Dinge warten. Die Kastanienbäume hatten alles Laub verloren; ihre schwarzen Äste zeichneten sich gegen das Weißgrau ab wie Risse in Porzellan. Zwischen den Gräbern wuchs Moos auf alten Steinengeln, und die Engel sahen nicht himmlisch aus, sondern alt. Menschlich alt. Als hätten sie gefroren und gewartet und irgendwann aufgehört, sich zu wundern.

Ich ging zwei Stunden. Ich sprach mit niemandem. Ich glaube, das war richtig so.

In Wien versteht man den Tod nicht als Feind, sondern als alten Bekannten. Man lädt ihn nicht ein, aber man setzt ihm einen Stuhl hin.

Der Prater

Am Nachmittag fuhr ich mit der S-Bahn an der Innenstadt vorbei und stieg am “Praterstern” aus.

Der Prater selbst war zu.

Geschlossene Schaufenster im Prater

Natürlich war er zu – Dezember, Wochentag, kein Schnee, kein Grund für Familien, herzukommen. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, was »zu« bedeutet, wenn man allein durch einen Vergnügungspark ohne Vergnügen läuft. Die Fahrgeschäfte standen still wie Dinosaurier nach dem Einschlag. Nur das Riesenrad drehte sich; es sah aus wie immer - wie ich es aus Filmen kannte -, groß und dunkel und gleichgültig, als hätte es nie etwas anderes getan als die Touristen zu befördern.

Und dann: die Köpfe.

An den Wänden der Schießbuden, der Losbuden, der Zuckerwattepavillons – überall diese Gesichter. Clowns mit aufgemalten Mündern, deren Lächeln in der Stille nicht fröhlich wirkte, sondern fragend. Pappmaschee-Ungetüme, halb Mensch, halb etwas anderes, in Farben, die im Sommer grell und lustig sind und im Dezemberlicht seltsam verblasst wirkten, wie aus einem Traum, den man nicht ganz zu Ende geträumt hat.

Clown im leeren Prater

Ein überdimensionaler Kasperl sieht von oben auf mich herab. Oder sah mich überhaupt nicht. Im leeren Prater war das schwer zu unterscheiden.

Ich war der einzige Mensch weit und breit. Meine Schritte auf dem nassen Asphalt klangen zu laut. Ich hatte das Gefühl, durch eine Kulisse zu gehen, die auf ein Publikum wartet, das nicht kommen wird – oder durch die Erinnerung an einen Ort, der einmal lebendig war und jetzt zwischen den Jahreszeiten hängt, eingefroren in seiner eigenen Erwartung.

Es war nicht unheimlich im klassischen Sinne. Es war etwas anderes: Es war einsam auf eine Art, die man nicht kennt, wenn man selbst nicht einsam ist.

Was Wien behält

Am Abend saß ich in einem Kaffeehaus in der Nähe der Oper. Marmortische, schwere Stühle, Zeitungen an Holzstäben. Ein Kellner, der nicht lächelte, genervt von den Touristen. Und dann fragte ich auch noch nach einem Fensterplatz…

Ich trank einen Kapuziner und schaute auf die Straße. Die Menschen gingen schnell, die Kragen hochgeklappt. Niemand blieb stehen. Wien lässt sich im Dezember nicht aufhalten.

Es gibt Städte, die man verlässt und sofort vermisst. Und es gibt Städte, die man verlässt und erst später versteht, was man dort gelassen hat. Wien, glaube ich, ist die zweite Art. Man trägt etwas heraus – eine Schwere, die sich langsam als etwas anderes entpuppt. Als Gewicht in dem Sinne, den auch Musik hat, wenn sie einen nicht loslässt.

Der Zentralfriedhof ist noch immer da. Das weiß ich, auch wenn ich ihn nicht mehr sehe. Und irgendwo im Prater lehnt ein Kasperl an einer Wand und wartet auf den Sommer.

Oder auf gar nichts. Vielleicht ist das dasselbe.